Vanille ist nicht gelb

Vanille, Gewürze, brausezimtFarben sind nicht nur das Ergebnis von Lichtbrechung und individueller Wahrnehmung. Das weiß jeder, der schon einmal das Experiment gewagt hat, einen vormals pastellfarbigen Raum dunkel zu streichen. Obwohl das Zimmer baulich nicht verändert wurde, wirkt es plötzlich viel kleiner, niedriger und erdrückender. Dieser Effekt wird als optische Täuschung bezeichnet. Er begegnet uns nicht nur in ungünstig gestrichenen Räumen, sondern auch beim täglichen Einkauf. Viele Produkte sind gar nicht so farbenfroh, wie sie aussehen. Häufig wird durch einen Farbton eine besondere Güte oder ein ganz bestimmter Geschmack suggeriert. Wäre das Lebensmittel naturbelassen, wäre es mitunter gar nicht wiederzuerkennen oder von scheinbar schlechterer Qualität.

Als bekanntestes Beispiel für eine solche Manipulation mag die Butter gelten: Obwohl sich Kühe im Sommer anders ernähren als im Winter und dadurch die Inhaltsstoffe der Milch variieren, sieht Butter immer gleich aus. Das liegt daran, dass ihr im Winter Karotine zugesetzt werden, um den "gesunden" Gelbton aufrecht zu erhalten. Soweit, so gut, so akzeptabel? Die Butter erfährt durch den natürlichen Farbstoff keine wirkliche Veränderung. Warum aber wird dem Verbraucher vorgegaukelt es wäre immer Sommer?

Und was ist mit Lebensmitteln, für deren Tönung es gar keinen plausiblen Grund gibt? Warum zum Beispiel sind vanillehaltige Produkte immer gelb? Weil Vanille drin ist? Kaum, denn die schwarzen Schoten färben die Speisen nicht. Um einem solchen Geheimnis auf die Spur zu kommen, muss der Verbraucher viele Jahre in der Zeit zurückreisen:

Als die Vanille im 16. Jahrhundert von Südamerika nach Europa gelangte, etablierte sie sich im Handumdrehen als Zutat für Süßes. Die damals bekannten Rezepte für Cremes, Puddings und Kuchen basierten fast ausnahmslos auf dem Bindemittel Ei, dessen Dotter die Speisen gelblich färbte. Da Vanille aber nicht nur ein feines, sondern auch ein seltenes und entsprechend teures Gewürz war, versuchte man sich lange an der Herstellung künstlicher Aromastoffe - die ab 1874 auch gelang. Dieses so genannte Vanillin fand sich bald in vielen anderen, auch eifreien Lebensmitteln wieder. Um die Assoziation zu den ursprünglichen Klassikern mit Vanille aufrecht zu erhalten, übernahm man deren Farbe und fügte sie mittels Farbstoffen hinzu. So ist es bis heute geblieben.

Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnis müssen sich Verbraucher natürlich fragen, wie "vanillig" ihr Pudding oder ihr Eis in Zukunft sein bzw. aussehen sollen, um weiterhin zu schmecken. Die Antwort darauf muss jeder selbst finden. Viele Hersteller verzichten auf künstliche Zusatzstoffe und verwenden ausschließlich natürliche Zutaten und präsentieren vanillehaltige, eifreie Produkte lieber so, wie sie sind: weiß und dennoch wohlschmeckend.

C ttt SH
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