Devadeep Gupta - Kunst ist nicht genug, 10.11.2017

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Es war eher ein witziges Versehen, welches dazu führte, dass ich eine Anfrage für eine Kuh erhielt. Devadeep Gupta studiert "Public Art and New Artistic Strategies / Kunst im öffentlichen Raum und neue künstlerische Strategien" in Weimar. Für eine Ausstellung des Gorki Theaters mit dem Thema Disintegration nahm Devadeep mit seiner Studiengruppe im Rahmen des 3. BERLINER HERBSTSALON 2017 teil und suchte, genau, ein Rindvieh.

Ursprünglich wollte Devadeep Gupta auf den verschärften Essenskonflikt in Indien hinweisen. Der Rindfleischkonsum wurde inzwischen landesweit in Indien unter Strafe gestellt. Das religiöse Verbot gilt eigentlich nur für Hindus. Etwa 30 % gehören anderen Glaubensrichtungen an und konnten früher ohne Probleme Rindfleisch konsumieren.


brausezimt Da ich keinen Bauernhof habe, konnte es mit der Kuh nicht klappen. Was hattest du eigentlich vor?

Devadeep Ursprünglich wollte ich die Kuh hierher in die Ausstellung, draußen in den Garten bringen. Für einen Tag und am nächsten wollte ich anstelle der Kuh ein Stück Fleisch ausstellen. Aber mein Professor fand die Idee etwas radikal. Obwohl es hier schon Kühe gab, allerdings vor 1920. Ich wollte sehen, wie die Leute auf die Kuh reagieren. Für mich sind Kühe etwas ganz natürliches.

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Devadeep Gupta im Gespräch

brausezimt Wie siehst du Kunst?

Devadeep Das ist für mich eine ganz neue Welt, die Kunst. Eine Welt, die ich vorher nicht kannte. Ich sehe mich selbst nicht als Künstler, dafür habe ich nicht die Vergangenheit. Ich kenne nicht viele Künstler oder Menschen, die Kunst gemacht haben.

brausezimt Vielleicht ist das sogar gut? So kannst du du selbst sein - ohne Beeinflussung.

Devadeep Vielleicht. Ich hatte keine Ahnung von Stil, Statement, Ästhetik. Über diese Dinge habe ich nicht nachgedacht. Die meiste Arbeit war sehr persönlich, meistens mit Menschen, die ich kannte. Da war z.B. der Fischer, der mir erzählte, dass er sein Haus in der Flut verloren hatte. Von Seiten der Regierung gab es ca. 60 Euro. Ich wollte etwas mit ihm machen. Ich färbte ihn blau - als eine Leise Revolution in Indien. Keine Ahnung warum, aber viele Leute mochten die Aktion. Mir gefiel sie nicht gut.

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Man On Boat, Kunstinstallation, Guwahati, India
 
Aber wenn du denkst, was du tust, ist nicht gut, warum machst du es dann?

Devadeep Keine Ahnung, die meiste Zeit war ich arbeitslos also ...

Wolltest du dich nicht langweilen.

Devadeep Ja, in der Art. Besser etwas zu unternehmen als nichts zu tun. Natürlich hatte ich Internet und schaute, was machen andere Menschen in der Welt. Diese Künstler wirkten auf mich großartig und die Welt einschüchternd. Ich hatte nie das Verlangen mich dazu zugesellen oder zu beurteilen, zu vergleichen. Langsam lerne ich. Aber in Maßen, ich mag keinen erzwungenen Kontext.

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Man On Boat, Kunstinstallation, Guwahati, India

Wenn ich Kunst betrachte, kann ich es mögen oder nicht. Ich muss es nicht beurteilen. Kunst ist persönlich und Menschen reagieren unterschiedlich mit ihren Emotionen auf Kunst. Ich mag dieses Urteilen einfach nicht.

Devadeep Ich verstehe was du meinst. Das geht mir genauso. Kunst ist sehr persönlich. Wenn du Kunst betrachtest, dann geht es um dich, das erste Gefühl, welches bei dir ausgelöst wird. Eine Reaktion aus dir selbst, nicht weil dir jemand etwas gesagt hat. Das was DU fühlst, ist gut. Ganz besonders im Bereich der Kunst, kann man nicht in gut oder schlecht, richtig oder falsch unterteilen.

Eine Person ist niemals falsch in seiner Perspektive. Das ist Kunst. Es ist wie beim Essen, der Koch wird auf sein Essen stolz sein. Ich habe die Freiheit meine Kunst zu präsentieren und du hast die Freiheit dir deine eigene Meinung darüber zu bilden. So funktioniert Kunst und deshalb bin ich entspannt mit meinen Aktionen. Ich brauche sie nicht extra gefällig zu machen.
Gerade in der öffentlichen Kunst hast du als Künstler eine große Verantwortung. Sie wird nicht in einer Galerie oder im Museum präsentiert, wo sich nur eine bestimmte Gruppe von Interessierten zusammen findet. Öffentliche Kunst steht mitten auf der Straße. Sie ist nicht für eine spezifische Zielgruppe, sondern für alle. Und wenn man die Straße entlang läuft, hat man meistens nicht viel Zeit, Kunst zu würdigen. Man geht zur Arbeit oder Einkaufen, es bleiben 10 Sekunden für die Kunst am Straßenrand.
Natürlich kann man irgendetwas tun und das Ergebnis Kunst nennen. Diese Freiheit besitzen wir. Aber für öffentliche Kunst gehört, meiner Meinung nach, mehr dazu.

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Man On Boat, Kunstinstallation, Guwahati, India

Devadeep Für die Ausstellung suchte ich eine Kuh. Mir geht es nicht um die Ausstellung, mir geht es um das Projekt. Die Austellung ist eine gute Plattform dafür. Den Plan habe ich für Berlin abgewandelt. Jetzt möchte ich auf einen Bauerhof selbst gehen und dort eine Kuh schmücken. Den Prozess der Glorifizierung der Kuh werde ich dokumentieren.

Deutsche schmücken keine Kühe.

Devadeep Ich zeige den Kontrast. Das ist der Punkt des Ganzen. Und ich brauche dafür auch nicht viel, etwas Tücher, Bänder, keine Farbe oder ähnliches. Es geht um Koexistenz und spiegelt ein wenig meine Situation hier wieder. Ich bin die Indische Kuh in Deutschland. Jetzt suche ich einen Bauernhof, der mir die Aktion gestattet.
 
Weißt du, in Berlin haben wir einen Bauernhof mit Kühen, den Milchhof Mendler (Dort konnte Devadeep seine Kunstaktion tatsächlich durchführen mit einer Kuh namens Dori.)


Film von Devadeep Gupta

Was ist eigentlich der größte Unterschied zwischen Indien und Deutschland?

Devadeep Als ich hier landete, fragte ich mich, wo all die Straßentiere sind. Hier läuft keine Kuh oder was anderes rum. In Indien würde hier am Fenster draußen eine Kuh stehen und reinschauen.

Bei uns sind selbst die Hunde an der Leine. Doch wir haben Vögel, Spatzen und Tauben. In Indien war ich noch nie und ich glaube, ich möchte auch nicht. Wie ich gehört habe, sterben Menschen am Wegesrand. Sie sterben. Elend ist in Deutschland nicht so offensichtlich.

Devadeep Wenn du Indien besuchst, nicht die touristischen Plätze, sondern das alltägliche Indien, dann solltest du dich emotional distanzieren. Du musst wie in einer Box sein, du darfst nicht mitfühlen. Das ist auch für mich schwierig. Es gibt viele leidende Menschen, ohne Arme oder Beine. Und ich kann nichts tun. Ich kann einigen Essen geben, aber es wird nie genug sein. Es sind zu viele. Es sterben jeden Tag Menschen an der Hitze, dem Wasser oder Essen. Sie besitzen keine Grundrechte. Doch die Regierung interessiert es mehr, ob für Millionen von Dollar neue Waffen gekauft werden sollten. Deswegen begann ich die Regierung zu hassen. Wir sind 1,6 Milliarden Menschen. Die Regierung ist stolz auf diese Zahl. Aber wenn es dazu kommt, Verantwortung für diese 1,6 Milliarden zu übernehmen, gibt es niemanden. Keine Regierung. Es gibt keine Notunterkünfte, nichts. Die Lage ist einfach heuchlerisch.

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Was möchtest du tun, was ändern?

Devadeep Ich bin nicht wirklich optimistisch. Realistisch betrachtet, weiß ich Kunst ist nicht genug. Kunst ist gut, um über Probleme zu reden, Kunst ist auch gut als Gedankenanregung. Aber Kunst allein ist nicht genug. Vielleicht war Kunst einst kraftvoll und einflussreich - früher. Das weiß ich nicht, damals lebte ich nicht. Ich weiß aber, es wird sich nichts ändern. Nichts.

Aber ist das nicht deprimierend?

Devadeep Das ist deprimierend, sehr frustierend. Aber das ist, denke ich, der Weg des Lebens. Ich kann nur versuchen, etwas zu bewegen.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.
 
Kontakt
Bauhaus Universität Weimar

Internet www.uni-weimar.de/de/kunst-und-gestaltung/studium/freie-kunst/

 
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