Landwirt Christian Heymann mit seiner Solidarischen Landwirtschaft in Berlin Gatow, 13.07.2015

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Gatow wirkt wie ein Dorf, gehört aber zu Berlin. Dicht an der Havel gelegen, befinden sich hier einige Ackerflächen vom Speisegut und an diesem Ort spreche ich mit Landwirt Christian Heymann. Nun, zuerst bin ich vorbei gefahren, dann noch einmal. Als ich fündig werde und Christian treffe, beginnt es zu nieseln.

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Quereinsteiger Christian Heymann und seine Solidarische Landwirtschaft in Berlin

Insgesamt werden neun Hektar bewirtschaftet, drei in Gatow und sechs in Groß Glienicke - bis die Wildschweine kamen. Der verwüstete Anbau wird im Herbst rekultiviert. 

brausezimt  Wildschweine im Garten, das Pech hatte ich dieses Jahr auch.

Christian Heymann Im Kleingarten ist das ebenfalls ärgerlich. Wir hatten dadurch einen großen wirtschaftlichen Verlust. Man sieht erst nach einer halben Saison, ob und wie ein Standort funktioniert. Die Leute drumherum, die Tiere, der Anbau - das muss sich einspielen. Hier in Gatow war das auch so gewesen. Die Akzeptanz mussten wir uns erst erarbeiten.

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Abfahrt nicht verpassen: vom Kladower Damm 57 und dann rechts hinter der Baumhecke befinden sich die Ackerflächen vom Speisegut. Parken kann man nur auf dem Kladower Damm.

In diesem Umfeld? Das sind doch alles Ökoleute hier, oder?

Christian Heymann Es gibt noch die Hundehalter und Bewohner. Die Flächen sind erst seit drei Monaten eingezäunt. Es existieren zurzeit diese drei Projekte: das 2.000 qm-Projekt, daneben die Rundgärten von Max von Grafenstein und das Umweltbildungszentrum. Das war ein alter Hof und ist neu gebaut worden.
Diese Flächen gehen bis an die Havel runter und heißen Havelmathen. Geschichtlich bedeutet das etwa 100 Jahre Gemüseanbau. Das ist eine lange Tradition.

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Seit wann bist Du hier?

Ich bin das dritte Wirtschaftsjahr hier und seit etwa 20 Jahren Landwirt, ein typischer Quereinsteiger. Im Ökoanbau ist das normal.
Meinen Zivildienst leistete ich in einer Camphill Einrichtung in Mittelfranken und betreute Behinderte in der Landwirtschaft. Nach dieser Zeit begann ich in einem Demeterbetrieb meine Ausbildung. Obwohl ich eine staatlich geprüfte Ausbildung absolvierte, lernte ich ausschließlich auf Demeterhöfen. Demeter bietet auch eine sogenannte Freie Ausbildung ohne staatliche Prüfung an. Da lernt man vier Jahre die anthroposophischen Hintergründe und alles rund um die Demeter-Landwirtschaft.

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In der SoLaWi fangen sie an, Saatgut selber zu ziehen. Letztes Jahr Zucchini und Hokkaidos - Jeder Kunde sollte von seinem Kürbis einige Kerne an die SoLaWi zurückbringen. Eine tolle Erfahrung, meinte Christian Heymann, es kamen Samen in einer sehr hohen Qualität zurück. Dieses Vorgehen soll ausgebaut werden.

Nach meiner Zeit in Mittelfranken zog ich an den Chiemsee, dann in die Voreifel, von dort nach Lübeck, dann in den Spreewald. Dort baute ich eine Landwirtschaft für das Hotel Zur Bleiche auf.

Landwirtschaft ist ein teures Hobby, das haben wir schon vor 20 Jahren gesagt. Wer die Realität kennt und als Quereinsteiger in die Landwirtschaft kommt und kein Geld besitzt, hat einfach ein Problem. Entweder man geht in die Politik und studiert Landwirtschaft oder man macht Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi).

Mein Wendepunkt war vor drei Jahren. Mir kam die Idee, meine 16 Jahre Erfahrung, für mich selber zu nutzen. Ich wollte eine Solidarische Landwirtschaft betreiben und all mein Wissen einbringen oder aber komplett aufhören.
Das Netzwerk in der Bio-Branche hatte ich ja schon. Ich war der erste Bauer, der Culinary Misfits belieferte. Hier in Gatow bin ich in der Bauernschaft aufgenommen worden. Über den Landschaftspflegeverband kam ich an diese Flächen hier.

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Roter Mangold, wunderschön und schmackhaft

Die waren ungenutzt?

Hier stand Roggen von einem konventionellen Landwirt mit dem wir gut zusammen arbeiten z.B. was Maschinen betrifft. Die Flächen sind recht eng und so waren die Bauern froh, dass wir uns darum kümmern wollten.

Die Grundidee war eigentlich: Was passiert eigentlich mit all den Quereinsteigern, die wirklich Landwirtschaft machen wollen, die aber kein Geld und kein Land haben. Es muss doch eine Möglichkeit geben, stadtnah Landwirtschaft zu betreiben.

So haben wir hier angefangen mit 2.000 Euro für Saatgut, alles andere waren eigentlich Netzwerk und Kontakte.

Mittlerweile bewirtschaften wir neun Hektar, seit letztem Jahr das Havelgut, die Feuerwache als Regionallädchen und die Schauölmühle mit. In diesen Projekten steckt viel Arbeit.

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Es werden ausschließlich samenfeste Sorten angebaut.

Wieviele Leute arbeiten mit Dir beim Speisegut?

Zwei feste Gärtnerinnen, zwei FÖJler, zwei feste Erntehelfer und im Jahr vielleicht 10 Praktikanten, Schülerpraktikanten oder Studenten.

Welche Vorteile siehst du in der Solidarischen Landwirtschaft?

Ich denke für Neueinsteiger kann die SoLaWi ein günstiger Start sein. Ich brauche ja erst mal Land. Wenn ich einen Hof geerbt habe, ist das eine andere Basis. Man muss überlegen, wie man die Abnahme organisiert, wie abhängig macht man sich vom System.
Was mehr und mehr auffällt - in der Bio-Szene hat sich in den letzten zehn Jahren nicht viel bewegt. Man arbeitet immer noch an den gleichen Fragen. Man kommt jetzt wieder stärker in die Richtung der Wertevermittlung. Auch im Bio-Laden schauen die Leute immer stärker auf den billigeren Preis. Die häufig anzutreffenen Filialen sind eigentlich auch nichts anderes mehr als jeder normale Supermarkt. Die Preise sind mittlerweile zu weit unten, meiner Meinung nach. Der Liter Milch im Bio-Supermarkt Eigenmarke kostet 1,09 Euro. Da frage ich mich, wo ist der Unterschied zu konventionell.

Bei der Solidarischen Landwirtschaft ist der Aufbau ganz anders. Man muss sich mit seinen Kunden auseinandersetzen. Es gibt eine feste Abnahmegarantie. Das gibt dem Bauern Sicherheit.

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Über die erste rote Tomate im Jahr freut man sich besonders.

Wie findest Du Deine Abnehmer?

Das Schöne ist ja, wir sind im dritten Jahr. Letztes Jahr hatten wir 130 Abnehmer. Im Juli war wieder der Wechsel. Dreißig hören auf, das heißt es sind nur noch 100 Teilnehmer. Mit Probeabos sind wir bei 130. Im Moment haben wir gar nicht so einen hohen Zulauf wie manch einer denkt.

Wieviele Teilnehmer brauchst Du auf jeden Fall?

Mindestens 130. Wir hatten dieses Jahr im Frühjahr sehr viele Probe-Abos. Da haben wir hoch gepockert und eine neue Gärtnerin mitreingenommen, weil wir dachten, hey jetzt gehts ab. Da ist leider wenig rumgekommen.

Woran liegt das?

Keine Ahnung. Das ist die Frage.

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Christian Heymann ist auch Imker.

Mit welchen Verpflichtungen bin ich als Abnehmer dabei?

Am Anfang im Probemonat gar keine. Danach muss ich bereit sein ein Jahr dabei zu bleiben. Hier geht es um die Sicherheit des Bauern. Im Monat kostet die Teilnahme 62,50 Euro. Der Teilnehmer erhält wöchentlich angebaute Produkte und 30 l Saft im Jahr.

Jeder hat die Pflicht dreimal im Jahr hierher zu kommen und uns aktiv zu unterstützen. Wer das nicht kann, zahlt einen Ausgleich von 120 Euro für jeden nicht gearbeiteten Tag.

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Seit ich Solidarische Landwirtschaft betreibe, zahlen wir unseren Mitarbeitern 10 Euro netto. Mir geht es darum: derjenige der jätet und derjenige, der das Gemüse ausfährt, alle tragen die gleiche Verantwortung. Genauso wie letztendlich derjenige, der plant und organisiert. Das sind alles gleichwertige Aufgaben. Nur wenn derjenige, der jätet aufpasst, dass er nicht die Möhrchen mit rausrupft, hat der Ausfahrer überhaupt etwas zu transportieren und wenn dieser die Kiste mit dem Salat in irgendeine Ecke wirft und mit Stress weiterfährt, dann hat davon auch keiner was.
Den Wert der Landwirtschaft sollte der Kunde erkennen und mittragen.

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Als Kunde erhalte ich einmal in der Woche eine Kiste, wieviel deckt diese ab?

Wir schätzen, dass eine Kiste für eine Person mit Kind bis 14 Jahre reicht. Wir haben viele Leute, denen das Gemüse im Sommer zu viel ist. Genauso wie andere meinen, es wäre zu wenig. Wir sagen ganz klar, es handelt sich bei unseren Lieferungen um keine Vollversorgung. Wer abwechselnd zu den Kartoffeln auch mal Nudeln und Reis isst, das sollte eigentlich ausreichen.

November, Dezember, Januar gibt es hauptsächlich Lagergemüse oder Eingewecktes, so wie wir es schaffen. Jetzt ist Einweckzeit! Das wollen wir wieder fokussieren, aber Du siehst ja, das Unkraut wächst einem bei diesem Wetter fast über den Kopf. Das bedeutet die Lieferungen können sich in den Wintermonaten auf alle zwei bis drei Wochen reduzieren. Es gibt was, aber nicht so viel. Wir suchen noch Kooperationspartner.

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Mit Kräutern und allen drum und dran werden etwa 40 verschiedene Kulturen mit etwa 80 unterschiedlichen Sorten angebaut. Das ist essbare Vielfalt aus Berlin.

Was lagerst Du?

Kartoffeln, Möhren und Rote Beete lagern wir in der Alten Feuerwache.

Ich bin dieses Jahr mit meinen Kartoffeln über den Winter gekommen.

Super. Das haben wir auch geschafft.

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Jetzt freue ich mich aber auf die frischen Knollen. Wir haben keinen richtigen Kartoffelkeller und die werden mit der Zeit immer schrumpeliger.

Die schmecken aber! Dieses Jahr haben wir weniger Kartoffeln.

Weil die Schweine da waren.

Ja, die haben uns den Acker umgeflügt.

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Wie stehen dann die Teilnehmer da, die haben dann Pech.

Genau. Wir versuchen über die Zusammenarbeit mit anderen Landwirten einen gewissen Ausgleich zu erzielen.

Deswegen meinte eine Bekannte, solidarische Landwirtschaft könne nicht funktionieren. Du bezahlst und dann passiert was und du bekommst nichts. Dazu meinte ich, dass man normalerweise keinen Totalausfall hätte.

Einen Totalausfall hat man nicht. Aber das ist natürlich ein Gedanke. Wir haben mehr und mehr das Problem, das unsere Abnehmer einen zu hohen Anspruch haben. Sie wiegen die Ware mit Geld auf. Das ist schlimmer geworden.
Der Grundgedanke der Solidarischen Landwirtschaft muss gelebt werden, darüber sollten wir philosophieren. Die Leute in die Pflicht zu nehmen, ist auch nicht einfach. Manch einer meint, wenn er heute nicht helfen geht, wird es schon ein anderer tun.

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Dann sind die Qualitätsansprüche ein Problem. Das Gemüse wird nach Berlin und Potsdam ins Depot geliefert. Dort holen sich die Kunden ihre Anteile ab. Der erste ist pünktlich und sucht sich das schönste raus, der letzte bekommt was übrig blieb. Es ist offensichtlich nicht möglich, dass sich die Leute nicht nur die größten Kartoffeln raussuchen, sondern mischen. Wir überlegen gerade, ob wir auf Kisten umsteigen sollten.

Wie wichtig sind Soziale Medien für Dich?

Das hat sich so eingeschlichen, inzwischen sind die Sozialen Medien sehr wichtig für uns. Die Reichweite wächst, aber man ist auch schneller angreifbar.

Vielen, lieben Dank an Christian Heymann für das informative Gespräch.

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Kontakt
SpeiseGut
Christian Heymann


Kladower Damm 244 B
14089 Berlin

Standort der Landwirtschaftsflächen
Kladower Damm 57

Telefon 030 / 365 099 53
Mobil 0174 / 85 39 525
Email bauer_at_speisegut.com

Internet www.speisegut.com

 


Interessante Links
www.ernte-teilen.org
www.solidarische-landwirtschaft.org
 

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